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| Selbst ist der Mensch: Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins
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Lesenwert aber Grundkenntnisse über Gehirn wären hilfreich
• • • • • (bewertet mit 4 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen (VINE®-PRODUKTTESTER) Rezension bezieht sich auf: Selbst ist der Mensch: Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins (Gebundene Ausgabe) Antonio R. Damasio ist Neurowissenschaftler. Sein Thema ist das Gehirn, seine Funktion und die Auswirkungen der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse auf das Menschenbild. Wer ein fundiertes Buch zu diesem Thema sucht, findet es hier. Die rund hundertsechzig enggeschriebenen Anmerkungen im Anhang und ein sehr detailliertes Sachregister unterstreichen auch den wissenschaftlichen Anspruch, dem das Buch genügen soll. Aber vorsicht! Ohne Grundkenntnisse des Aufbaues des menschlichen Gehirns und seiner Funktionen ist es für den Laien teilweise etwas harte Kost.
Hier ein paar Beispiele. (S. 157) "Eine Konvergenz-Divergenz-Zone (CDZ) ist eine Gruppe von Neuronen, in der sich viele Vorwärts-rückwärts-Schleifen treffen. Eine CDZ nimmt vorwärts gerichtete Verknüpfungen von sensorischen Rindenfeldern auf, die in der Signalverarbeitungskette eine frühere Position einnehmen." (S. 178) "Die Selbst-Funktion ist kein allwissender Homunculus, sondern innerhalb des virtuellen Musterprozesses, den wir Geist nennen, das emergente Ergebnis eines weiteren virtuellen Elements: eines erdachten Protagonisten für unsere geistigen Vorgänge." (S. 233) "Der Input aus den Assoziationsfeldern in Scheitel- und Schläfenlappen, Richrinde und Stirnlappen läuft in den PMCs zusammen, ebenso der Input aus dem Cortex cingulatus anterior (einem wichtigen Endpunkt von Axonen aus der Inselrinde), dem Claustrum, dem basalen Vorderhirn, der Amygdala, der prämotorischen Region und den Sehfeldern in den Stirnlappen."
Wer sich davon nicht abschrecken lässt oder den Mut hat, diese Passagen vorerst nur zu überfliegen und mit einem ungefähren Detailverständnis zufrieden ist, für den lohnt sich die Lektüre. Allerdings sollte er das Buch nicht von vorn bis hinten sequentiell lesen. Beginnen sollte er zwar mit dem Teil I (Neuanfang). Dort legt Damasio einige grundlegende Konzepte dar. Er erläutert verständlich, dass die Neuronen die Basis der Geistestätigkeit sind. Und er stellt die These auf (die er später auch begründet), dass alle Wertevorstellungen ihre Basis im sogenannten "biologischen Wert" haben. Ähnlich wie Richard Dawkins (Buch: Das egoistische Gen) sieht Damasio den Zweck des Lebens im individuellen Überleben des Lebewesens und der Weitergabe seiner Erbinformationen in die nächste Generation. Er leitet verständlich her, dass Emotionen und Gefühle Hinweise darauf sind, wie das innere Gleichgewicht des Körpers (physische Homöostase) aussieht.
Dann sollte man einen großen Sprung in das letzte Kapitel 11 (Leben mit Bewusstsein) wagen. Dort bietet Damasio eine Zusammenfassung seiner Erkenntnisse. Er begründet, warum sich Bewusstsein in der Evolution durchsetzen konnte, nämlich als ein bedeutsamer Beitrag zur erfolgreichen Lebenssteuerung. Als wesentliche Eigenschafft nennt er die Fähigkeiten Zukunftsszenarien zu erstellen, automatische Reaktionen mit Blick auf künftige Ereignisse hinauszuzögern und selbst auf Gutes zu verzichten, wenn die Zukunft Besseres verspricht. In weiteren Ausführungen des Kapitels verlässt der das Gebiet der Neurologie und stellt mögliche Konsequenzen für Ethik, Kultur und Zivilisation dar. Auf der letzten Seite (S. 311) schreibt er: "Und worin besteht das wertvollste Geschenk des Bewusstseins an die Menschheit? Vielleicht in der Fähigkeit, auf dem Meer unserer Fantasie in die Zukunft zu reisen und das Schiff namens Selbst in einen sicheren, produktiven Hafen zu lenken."
Jetzt ist man vielleicht besser motiviert zu ergründen, wie Damasio die Entstehung des Selbst und des Bewusstsein erklärt. Und man ist gewillt sich zu erarbeiten wie ein Protoselbst, ein Kern-Selbst und ein autobiographisches Selbst (Abb. 8.1; S. 194) entsteht und welche Funktionen dadurch bewältigt werden. Übrigens: Das Wort Seele kommt in dem Buch nicht vor. Sie existiert auch für Damasio - wie für viele andere Neurowissenschaftler - nicht. Gläubige Menschen werden daher vielleicht von Damasions Erkenntnissen und Folgerungen enttäuscht sein. Denn Religionen sind für ihn auch nur das Ergebnis der Evolution, die der Lebensbewältigung helfen sollen.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 24. Juli 2011 | | |
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